Ihre
KinderbŸcher sind in Frankreich bekannt, Ÿber Ihr kŸnstlerisches Schaffen
und Ihre Arbeit als Grafiker jedoch haben wir wenig Informationen. Kšnnen
Sie uns in ein paar Worten sagen, welche Rolle dieses Schaffen in Ihrem
Alltag spielt und welchen großen Linien Sie dabei folgen ?
Bevor
ich mit dem Kinderbuch begonnen habe, war ich Illustrator von Werbekampagnen,
von Kurzgeschichten, vor allem fŸr amerikanische Zeitschriften, aber
auch fŸr einige deutsche. Neben der Arbeit am Kinderbuch habe ich fŸr
viele Verlage insgesamt weit mehr als 200 BuchumschlŠge gestaltet.
In
welchem Gebiet Ihre Kunst auch zum Ausdruck kommt, immer zeigt die Methode
einen ausgesprochen scharfes GefŸhl fŸrs Zeichnen und Ausschneiden.
Woher kommt diese Methode, was bedeutet sie fŸr Sie und was bringt Sie
Ihnen ?
Diese
Art und Weise, meine Bilder zu komponieren, erlbaubt mir eine spielerische
Freiheit im Umgang mit den unterschiedlichsten Materialien, die sich
vom direkten Zeichnen auf das Papier als BildtrŠger unterscheidet. Beim
Ausschneiden spiele ich mit der Form. Sie wird abstrakter, klarer, strenger
und vielleicht strikterÉ
In den Collagen erscheint die Positionierung meiner Figuren weniger
realistisch als wenn ich sie direkt auf das Papier zeichne und festhalte.
Ich habe die Mšglichkeit, sie zu bewegen, ihnen gewissermaßen
nach mehreren Versuchen einen idealen Platz zuzuordnen.
Das šffnet Perspektive und erlaubt mir, die Elemente unkompliziert zusammen
zu setzen.
Wie
Sie es ja selbst sagen, liegt die große Kraft Ihrer Bilder in
der Komposition. Unsere Fantasie schweift durch die HintergrŸnde Ihrer
Bilder, in denen manchmal nackte, manchmal sehr ausgearbeitete FlŠchen
scharfsichtig den Begriff von Leere und †berfluss einsetzen. Welche
Bedeutung hat das fŸr Sie
?
Bei
der Art und Weise, meine BildhintergrŸnde anzulegen, lasse ich mich
vom japanischen Holzschnitt inspirieren. Es ist eine einfache €sthetik.
Der leere Hintergrund appelliert an die Fantasie, die Leere schafft
mit neuer Dynamik eine bestimmte Tiefe und einen breiteren Blickwinkel,
Konzentration wird mšglich, die Emotionen der Gesichter und der Personen
werden hervorgehoben. In ãNachtsÒ, einem meiner letzten Werke, wird
das Dunkel selbst zum Helden des Buches, in dem es den Hintergrund bildet.
Die Darstellung der Nacht dominiert, die Personen sind nur dazu da,
um diesen ganz besonderen Moment zu unterstreichen, in dem Erwachsene
gar nichts sehen, der von Kindern jedoch mit symbolischen, geheimnisvollen
Figuren bevšlkert wird.
In der ãMenschenfresserinÒ zum Beispiel habe ich sehr unterschiedliche
Elemente kombiniert und assoziiert. In ein und demselben Bild erscheinen
das Boot eines Eskimos, ein Haus aus den zwanziger Jahren im Bauhaus-Stil,
eine romanische Kirche...
In der Wirklichkeit ist es recht unwahrscheinlich, so unterschiedliche
Elemente zusammen zu finden. Aus dieser Ortsgleichheit entsteht ein
GefŸhl der †berraschung. Hier ist der Hintergrund dazu bestimmt, eine
kontrapunktische AtmosphŠre zu schaffen. So wird eine Welt geschaffen,
die mit und zwischen den Personen spielt, eine Einladung zum Eintritt
in ein MŠrchen .Und
dann tritt die Heldin auf: eine Menschenfresserin, der alle einem Menschenfresser
eigenen Attribute fehlen, eine sehr ãfarbenfroheÒ Person. Ich habe sie
aber nicht dem vertrauten Universum der Kinder entnommen, die sie vielleicht
fŸr ihre Grobmutter halten kšnnten oder fŸr ihre Tante. Deshalb habe
ich ihr mit einer Krone aus PhilodendronblŠttern einen eigenartigen,
Ÿberraschenden Zug verliehen.
Ein
anderes Beispiel ist ãFrau Meier, die AmselÒ. Hier ist der Hintergrund
neutral. Wenn man nicht weiß, wo die Geschichte spielt, bleibt
die Umwelt in der RealitŠt verwurzelt. Es schien mir nicht notwendig,
genau zu zeigen, wo die Geschichte spielt. Einige GegenstŠnde geben
Anhaltspunkte: hier ein KŸchentisch, da eine LeiterÉ
Es geht darum, den Augenblick zu finden, an dem die Heldin auftritt.
So nŠhert man sich nach und nach, wie mit kleinen Pinselstrichen, der
Hauptperson
Ja,
Ihre Hauptpersonen handeln oft auf eine recht verschobene Weise im VerhŠltnis
zur RealitŠt. Sie kšnnen mit dieser RealitŠt verschmelzen oder aber
ihr entgegenhandeln. So zum Beispiel Frau Meier, die Amsel und ihr Mann
oder, in einem noch stŠrkeren Maße, die Menschenfresserin, die
ja keinesfalls den Menschenfressern gleicht, wie wir sie uns vorstellen.
Welche Bedeutung kommt dieser, Zuwiderhandlung gegen die NormÒ zu ?
Ich
will auf keinen Fall pŠdagogisch oder didaktisch vorgehen. Es gibt ja
gezwungenermaben viele unterschiedliche Arten, ein Leben zu gestalten.
Unterschiedliche RealitŠten existieren nebeneinander, werden konfrontiertÉ
FŸr
mich stellen sie die Vielfalt des Mšglichen dar. Ich habe den Eindruck,
dass jeder von uns aus den unterschiedlichsten GrŸnden eigenartig ist,
abseits der NormalitŠt lebt. Ich zeige unterschiedliche Ansatzweisen,
unterschiedliche Blickpunkte dieser Tatsache. Dadurch, dass ich das
Leben als die wirkliche NormalitŠt betrachte, untersuche ich seine vielfŠltigen
Erscheinungsformen .
Manche
GegenstŠnde - ein Philodendron, Heringe, ein Boot, ein Schiff, ein Ball
- scheinen direkt Ihrer Fantasie entsprungen, gleichzeitig aber auch
tief in Ihrer Erinnerung verwurzelt. Sie treten in jedem Ihrer BŸcher
auf und spielen unterschiedlich wichtige Rollen. Welche Bedeutung hat
diese Rekurrenz ?
FŸr
die PhilodendronblŠtter gibt es eine einfache ErklŠrung. Vor dem Fenster
unseres Hauses hat ein solcher Strauch gestanden. Er hatte das ganze
Fenster Ÿberwuchert, und alle fanden ihn besonders hŠsslich; nur meine
Mutter mochte ihn sehr. Diese Pflanze habe ich intuitiv und ganz spontan
in meine Kompositionen eingebaut. Dem Boot bin ich ãbegegnetÒ, als ich
noch sehr klein war, vielleicht 3 oder 4. Es erschien in einem Katalog
fŸr grafische Kunst und stand in Verbindung zur ãLegendeÒ der Titanic...
Sie
schenken den Kindern ein reiches, lebendiges Universum voller Symbole.
Welchen Sinn hat das fŸr Sie ?
Ich betrachte Kinder nicht als kindisch. Ich will mit Ihnen reden, wie
ich es mit Erwachsenen tue. Ich frage mich nicht, ob meine Bilder fŸr
Kinder bestimmt sind oder nicht. Ist die Welt an sich denn fŸr Kinder
angepasst ?
Welchen
Stellwert hat der Text in Ihren Werken, in denen Sie sowohl Autor als
auch Illustrator sind? Wie gehen Sie vor, wenn nicht Sie den Text geschrieben
haben? Wie machen Sie sich in einem solchen Fall den Text zu eigen?
Ausgangspunkt
meines kŸnstlerischen Schaffens ist immer der Text. Ob ich ihn selbst
geschrieben habe oder ob es jemand anderes war: immer mache ihn mir
auf die gleiche Weise zu eigen und versetze mich in den Text. Ich glaube,
ich suche jedes Mal die gleiche Distanz, bevor ich die Worte illustriereÉ
Welche
Bilder, welche KŸnstler haben fŸr Sie eine Rolle gespielt, als Sie klein
waren? Wie schšpft Ihr Schaffen noch heute daraus? Welchen kŸnstlerischen
Bewegungen stehen Sie am nŠchsten? Welche EinflŸsse haben Sie am stŠrken
geprŠgt, am meisten inspiriert ?
Als
Anekdote kann ich zuerst einmal sagen, dass ich mich seit jeher fŸr
Brillen interessiere. Jedes Mal, wenn ich vor dem GeschŠft eines Optikers
vorbeigehe, zwinge ich meine Frau und meinen Sohn Leonard, vor dem Schaufenster
stehen zu bleibenÉ Es gibt viele Dinge des Alltags, die meine Arbeit
beeinflusst haben. Eine bestimmte Kunstrichtung kann ich nicht nennen
; es geht von den Hšhlen von Lascaux bis zu Keath Haring...
Das
Interview fŸhrte Nathalie Donikian und Sylvie Vassallo
Traduction : Hildegard Kelly / Coporate .